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»Kameradschaftsszene« überzieht das ganze Land

Günther Pierzig: »Bedenkliche Entwicklung« bei den Neonazis - Schwabacher Lokal als Treffpunkt?
 

»Neue Nazis tarnen sich« war eine Veranstaltung betitelt, zu der die Schwabacher Initiative für Demokratie gegen Rechtsradikalismus ins Jugendzentrum eingeladen hatte. Mit Günther Pierzig, Sprecher des Nordbayerischen Bündnisses gegen Rechts, hatte man auch einen kompetenten Referenten zu Gast, der vom Aufbau einer »Kameradschaftsszene« sprach, die er als »sehr bedenklich« einstufte. 


Seitdem zentrale Aufmärsche von Neonazis in Gräfenberg nicht mehr stattfänden, verteile sich die Szene verstärkt über das ganze Land. So werde alles unübersichtlicher. 

Pierzig erwähnte auch, dass nach seinen Beobachtungen die Gruppe »Autonome Nationalisten Schwabach« nun wieder aktiver geworden sei, was Darstellungen im Internet belegten. 

Christel Hausladen-Sambale, Sprecherin der Initiative für Demokratie gegen Rechtsradikalismus, wies darauf hin, dass mittlerweile auch viel rechtes Gedankengut bis in die Mitte der Gesellschaft hineinwirke. Die Rednerin sprach überdies davon, dass man auf eine Gaststätte in Schwabach aufmerksam geworden sei, wo sich nach Kenntnis der Initiative »Neonazis zumindest treffen«. 

Dieses Lokal war auch Thema bei der Frühjahrsvollversammlung des Schwabacher Stadtjugendrings. Dabei bestätigte Polizeikommissar Dietmar Kocher, Präventionsbeamter der Schwabacher Inspektion, dass aus dem Lokal kürzlich Sieg-Heil-Rufe zu hören gewesen sein sollen (wir berichteten). 


»Umfeld im Blick« 

Dietmar Kocher war vor den Mitgliedern des Stadtjugendrings sichtlich bemüht, der Situation in Sachen Rechtsradikalismus in Schwabach den richtigen Stellenwert einzuräumen. Denn selbst wenn die Kneipe tatsächlich als Treffpunkt der Neonazis eingerichtet wurde, was die Pächterin im übrigen bestreitet: Mehr als drei aktive Rechtsradikale gibt es dort nach Einschätzung Kochers nicht. »Die sind uns geläufig, und wir haben ein besonderes Augenmerk auf dieses Umfeld«, versicherte der Polizeibeamte. 

Nicht auszuschließen sei allerdings, räumte er ein, dass mitunter Gleichgesinnte von auswärts dazu kämen. Wegen der rechtsradikalen Parolen habe der Staatsschutz bereits Ermittlungen aufgenommen, berichtete Kocher. 

Auch die Sicherheitslage in Schwabach scheint durch die Gaststätte nicht übermäßig bedroht zu sein. »Schmierereien wie Hakenkreuze und rechtsradikale Parolen in der Öffentlichkeit« seien vorgekommen, nicht aber Gewaltdelikte, sagte der Ordnungshüter. 

Dies wurde von Nikolai Vetter bestätigt. »Bislang hat es in Schwabach ausschließlich Propagandadelikte gegeben«, wie der Sozialpädagoge von der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsradikalismus diese Taten nannte. 

Propaganda ist es auch, womit die rechte Szene Schwabachs versucht, den politischen Prozess hier zu beeinflussen. »Sie verteilen Handzettel, auch im Umfeld von Schulen, oder bringen öffentlich kleine Flyer an«, beschrieb Kocher die bekannten Aktivitäten. Die Inhalte seien zwar grenzwertig, sagte Dietmar Kocher, sie besäßen aber keine strafrechtliche Relevanz. 

Nikolai Vetter warnte indes davor, Neonazis ausschließlich hinter rechten Klischees wie Glatze und Springerstiefeln zu vermuten. »Die Szene ist differenzierter geworden und sieht anders aus«, so Vetter. Im rechten Umfeld seien heutzutage Farbige ebenso zu finden wie Baseball-Kappen und Palästinensertücher. Ferner gebe es eine rechte Musikszene, die linke Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Globalisierungskritik besetze, »um noch mehr Leute in die rechten Fangarme zu treiben«. 

Zugleich erläuterte Vetter die Aufklärungs- und Beratungsangebote der Koordinierungsstelle in Nürnberg. Unter anderem gebe es eine Elternberatung sowie Workshops und Studientage zur politischen Bildung, um rechten Parolen argumentativ begegnen zu können.

Copyright (c)2010 Verlag Nürnberger Presse, Ausgabe 06.05.2010